Eigentlich kommt ein Artikel über die Corona-Krise auch ohne eine Einleitung aus, für die Corona-Krise gab es ja schließlich auch keine. Sie war auf einmal da, schneller als gedacht. Innerhalb kürzester Zeit musste der Alltag umgekrempelt, gar zusammengefaltet werden, bis er in die eigenen vier Wände passte. 2020 ist das Jahr, in dem die ungewisse Zukunft noch etwas ungewisser wurde. Die Zeit ist vorne und hinten geschrumpft, reduziert auf die Gegenwart. Diese blickt uns nun forschend in das Gesicht und fragt: Was machen wir jetzt?!

Verwandlung in den vier Wänden

Der Wohnraum wird ständig umfunktioniert. Eine Metamorphose, die sich in Zeiten der Ausgangssperre gefühlt in Dauerschleife abspielt: Klassenzimmer wird Büro wird Fitnessstudio wird Heimkino wird Bar wird Klassenzimmer. Und was haben wir schon gemacht? Gestrickt und jeden Quadratmeter der Wohnung erforscht. Man hat sich mit Freunden virtuell auf ein Glas Wein getroffen. Bei diesem Treffen hat man genippt, genickt, auf Vergangenheit oder Zukunft verwiesen und verkündet, wie schön doch reale Treffen waren und wie sehr man sich darauf freut, wenn man sich wieder im echten Leben gegenübersteht.

Was machen wir jetzt?!

Eine beharrliche Frage, die sich immer wieder aufs Neue stellt. Man kann sie im Laufe der Zeit wahlweise damit beantworten, dass man ein Puzzle fertigstellen möchte, sich die Haare färbt, lernt, arbeitet, Yoga macht, ein Buch liest, mit wachsender Beunruhigung die Nachrichten verfolgt, sich Sorgen macht, gestresst ist von der Ungewissheit, den Lagerkoller bewältigt. Das öffentliche Leben wurde heruntergefahren, alles Rauschen draußen leise gedreht. Die Straßen sind leerer als gewöhnlich und man sieht die Stille, bevor man sie hört. Man hört sie erst dann, wenn man realisiert, dass man eben nichts hört. Wenn die Umstände es erlauben, nimmt man vielleicht Projekte in Angriff, die man schon lange aufgeschoben hatte oder vielleicht besinnt man sich darauf, dass es nicht die materiellen Dinge sind, auf die es in erster Linie ankommt. Viel wichtiger ist es, dass es uns selbst, unserer Familie und unseren Freunden gut geht. Und dass wir einander sagen, wie viel wir einander bedeuten.

Kleine Dinge mit großem Wert

Die Aussage „‚Mit dir könnte ich eine Quarantäne überstehen‘ ist das neue Pferdestehlen“ eröffnet eine vollkommen neue Dimension, wenn es um Liebesbezeugungen geht. Jo Lendle hebt in seinem gleichnamigen Text im Zusammenhang damit auch hervor, dass man dankbar sein soll, falls man mit jemanden in einer Wohnung wohne, mit dem man auch die Quarantänezeit gut überstehen könnte. Und dass es sich lohne an Beziehungen und an sich selbst zu arbeiten. Er betont, dass es helfe, sich vor Augen zu führen, dass unablässig mehr und mehr Menschen genesen würden. Zudem könne man schon einmal Vorfreude entwickeln auf die Dinge, die aktuell nicht möglich seien, wie einen Besuch im Café oder Reisen. Ebenso deutet Jo Lendle an, dass es für die Zukunft wichtig sei, die momentane Entschlossenheit auf die Problematik des Klimawandels zu übertragen und dass es momentan wichtig sei zu erkennen, dass wir uns zwar in der gleichen Quarantänelage, aber mitunter nicht in der gleichen Situation befänden.

Es gibt viele einzelne gute Gründe, warum es Menschen in dieser Zeit schlechter geht als vorher. Das sind großartige Zeiten für Gemeinsinn.

Jo Lendle

Plädoyer für Solidarität

Man sollte in diesen Corona-Zeiten generell dankbar dafür sein, wenn es einem gut geht und für die Dinge dankbar sein, die man hat. Vielleicht fällt einem auf, wie wenig man eigentlich braucht, um zufrieden zu sein. Hoffentlich macht man sich dann auch Gedanken darüber, wie es anderen geht. Wir können, jeder für sich, aber trotzdem zusammen, etwas tun und füreinander da sein, um zu gewährleisten, dass es anderen auch gut geht. Soziale Netzwerke können ihrem Namen alle Ehre machen, wenn wir sie dazu verwenden, um uns für andere einzusetzen und beispielsweise Geschäfte vor Ort und freischaffende Künstler zu unterstützen oder den Leuten Hilfe zukommen zu lassen, die im eigenen Zuhause noch stärker Bedrohungen ausgesetzt sind, sei es durch häusliche Gewalt oder aufgrund psychischer Erkrankungen. Wir können telefonieren, im Video-Chat miteinander sprechen, Kontakt herstellen, Fürsorge organisieren oder Beträge auf den Social Media Plattformen teilen. Diese Beispiele sind angeführt ohne Anspruch auf Vollständigkeit und folgen keiner ausgewählten Reihenfolge. Sie sollen dazu dienen zu unterstreichen, was wir jetzt machen können: Wir können solidarisch sein und auf uns selbst sowie auf andere aufpassen. Das machen wir jetzt.

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mm
Autor

mag Zimt, Zitate und Kurzgeschichten, würde gerne mal in ein Taxi steigen und sagen: "Bitte folgen Sie dem Wagen da vorne!"

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