Neulich las ich einen Artikel aus Axel Hackes Kolumne, in dem er von einer neuen Art zu gehen spricht, bei der man in gebührendem Abstand voneinander auf der Straße tanze. Man weiche aus, beobachte schon Menschen, die hundert Meter weiter in die Straße einbiegen, springe einem die Bäckerei Verlassenden mit einer raschen Links-Links-Rechts-Kombination aus dem Weg. Nun frage ich mich, ob dieser Tanz nicht auch für Innenräume im Allgemeinen und Supermärkte im Besonderen geeignet ist. Dadurch entsteht eine neue Art einzukaufen, eine leichtfüßige Art einzukaufen.

Alles geht seinen gewohnten Gang

Viele Fußabdrücke, die zu Spuren, ja zu Trampelpfaden werden, verraten, dass Spaziergänge öfter denn je eine willkommene Beschäftigung darstellen, wenn wir unser Zuhause eingehend genug betrachtet haben und uns der Wunsch nach frischer Luft ins Freie lockt. In unserem neuen eingeschränkten Alltag ist momentan nicht viel Platz für Neues, für Ungewöhnliches. Allerdings gibt es, wenn wir nicht gerade im Gänsemarsch und mit 1, 5 Metern Mindestabstand zu anderen Grünflächen umrunden oder uns in Kreisen durch die eigene Wohnung bewegen, noch ein Highlight im Alltag: der Gang zum Supermarkt. Dort einkaufen zu gehen ist auf einmal ein interessanter, abwechslungsreicher Zeitvertreib.

Es fing mit dieser neuen Art zu gehen an

Axel Hacke, Kolumnist für das Süddeutsche Zeitung Magazin, schreibt: „Gerade draußen auf der Straße beobachtete man eine neue Art zu gehen, eine Art langfristig geplantes Vorwärtsstreben bei gleichzeitig maximaler Aufmerksamkeit für andere in erhöhter Bereitschaft zum raschen Ausweichen, ja zu plötzlichen Ausfallschritten.“ Er stellt fest, dass überhaupt das Bedürfnis aufkomme, dem eigenen Gang etwas Tänzerisches zu verleihen. Es ist ein Glücksfall, dass diese Tanzschritte auf vielerlei Arten aneinandergereiht werden können. So muss niemand besorgt sein, dass es dieser draußen entstandenen Bewegungsform drinnen an Grazie fehlen könnte. Und wir müssen uns nicht wie sonst durch den Supermarkt schleppen, sondern können eine flotte Sohle auf das Parkett legen.

Foto: pixabay

Früher Supermarkt, heute Tanzfläche

Wenn man Axel Hackes Worte im Hinterkopf behält, kann man also im Supermarkt eine neue Art des Einkaufens beobachten, einen Tanzreigen, der auf der neuen Art des Gehens basiert. Sobald wir mit Masken und Handschuhen ausstaffiert sind, öffnet sich der aus Schiebetüren bestehende Vorhang für den Maskenball. Ab auf die Tanzfläche! Langfristig geplant streben wir zur Kasse, während wir uns der Position anderer Kunden bewusst sind, zu denen wir über den Rand des Mundschutzes hinüberspähen. Um die 1,5 Meter nicht zu unterschreiten, sind wir stets bereit auszuweichen und tanzen umeinander herum. Die Gerade entlang der Tiefkühltheke absolvieren wir uns gegenseitig umrundend in Halbkreisen. Aber auch sonst sind wir jederzeit zu Ausweichmanövern bereit, sogar zu Chassés, wenn wir uns mit einem flinken Wechselschritt in eine Himmelsrichtung in Sicherheit bringen wollen. Falls uns an einer Stelle mit der sanften Beugung eines behandschuhten Handgelenks der Vortritt überlassen wird, können wir freundlich den Kopf neigend hinter der Maske die Mundwinkel nach oben ziehen. Auf das Lächeln mit den Augen kommt es jetzt an.

Die Masken fallen

Der Tanz im Supermarkt wird wie ein Perpetuum Mobile in Gang gehalten, solange neue Kunden hereinkommen. Beschwingt tanzen wir unseren Reigen vom Eingang zum Ausgang; wenn wir uns auf der Zielgeraden an der Kasse befinden, verharren wir kurz, treten auf der Stelle, bevor wir nacheinander die Tanzfläche verlassen und schließlich die Masken fallen lassen. Vielleicht sind es gerade diese Ausfallschritte, die diese neue Art des tanzenden Einkaufens salonfähig machen. Schließlich tanzt man nicht, um sich nahezukommen, sondern um Abstand zu wahren. Mindestens 1,5 Meter, um genau zu sein.

Nach dem Tanz ist vor dem Tanz

Früher verlief das vom Unterhaltungswert gering eingestufte Einkaufen im Supermarkt eher schleppend. Nun tanzen wir graziös zwischen Theken und Regalen, sind uns der Anwesenheit anderer bewusst und beobachten uns gegenseitig über unsere Masken hinweg. Falls wir das Tanzen in dem Moment, in dem wir aus dem Supermarkt in die Realität stolpern, schon vermissen, ist das auch nicht weiter schlimm, wir setzen unsere Masken auf und gehen einfach wieder hinein.

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mm
Autor

mag Zimt, Zitate und Kurzgeschichten, würde gerne mal in ein Taxi steigen und sagen: "Bitte folgen Sie dem Wagen da vorne!"

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