Ich habe meiner Oma in den letzten Jahren oft Postkarten aus Dublin, Flensburg oder Stockholm geschickt. Hach wie schön – ja nicht?! Ein Enkelkind auf Reisen schickt postalische Grüße nach Hause. Aktuell trennt uns die Kontaktsperre, aber auch sonst trennen uns über 1000 Kilometer. Doch warum ich angefangen habe meiner Oma Briefe zu schreiben, hat neben der Überbrückung der Entfernung einen weiteren praktischen Grund, den ich vor dem Hintergrund der aktuellen Situation gerne romantisieren würde, aber nicht wirklich kann: Ich möchte, dass meine Oma Post bekommt, die sie auch lesen kann.

In Zeilen und an Ränder kritzeln

Man sollte wissen: Ich habe schon immer sehr gerne geschrieben. In der Grundschule mit Vorliebe nicht in vorgezeichnete Zeilen. Meine Buchstaben haben sich unterhalb der vorgeschriebenen Linie platziert, da half auch kein mahnender Rotstift. Ein Trotzkopf schreibt nun mal, wie ein Trotzkopf will. Vielleicht gibt er irgendwann nach, man weiß es nicht genau. Ein Trotzkopf schweigt ja schließlich und trotzt. In den Jahren danach schrieb ich jedenfalls gerne auf Notizbuchseiten, Klebezettel oder Collegeblockseiten. Auch in vorgezeichnete Zeilen, aber auch viel in Ecken und an Ränder.

Die Postkartenkritzelei

Rückblickend war all das vielleicht schon eine Vorübung für das Postkartenschreiben. Gelernt zu haben, wie man Sätze in Ecken und Wörter in Lücken quetscht, muss sich ja irgendwann einmal auszahlen. Warum nicht beim Beschreiben der Rückseite einer Ansichtskarte!? Im Gegensatz zum Schreiben eines Briefes erfordert das Schreiben einer Postkarte nämlich mehr logistische Planung. Man muss den Platz einteilen, um eine einigermaßen leserliche Botschaft zu übermitteln; es sei denn natürlich man schickt mehrere Postkarten nach dem Motto „Fortsetzung folgt“.

Platzmangel und Hieroglyphen

Für das Postkartenschreiben ergibt sich daher folgende Herausforderung. Man muss den Platz so einteilen, dass ein quadratähnliches Feld das Aufkleben der Briefmarke und vier Linien das Eintragen der Adresse erlauben. Wie viel Platz bleibt dann noch, um aus dem Urlaub zu berichten, dass das Wetter gut ist und man schon im Meer gebadet hat?! Richtig, nur wenig. Man kennt das doch, wenn sich die Schrift am unteren Kartenende verliert, nach rechts zur Adresse ausweicht oder fast bis zur Unleserlichkeit schrumpft. Ich kann die Hieroglyphen auf Postkarten manchmal ja selbst nicht entziffern, wie soll das dann meine Oma können?!

Foto: pixabay

Von Postkarten zu Briefseiten

Die Botschaft ist klar, die Postkarte bedeutet: „Hey, ich denke an dich!“ – nur war ich im Laufe der Zeit nicht mehr sicher, ob meine Oma mit oder ohne Lupe lesen konnte, woher diese Botschaft kam. War das Flensburg oder Regensburg, Stockholm oder Bornholm?! Ich schrieb immer größer, auf dieser gefühlt mikroskopisch kleinen Fläche des Postkartentextfeldes. Nur leider konnte ich dadurch immer weniger erzählen. Also schrieb ich stattdessen Briefe. Man muss keinen Platz freihalten und nichts einteilen. Dann schreibt man eben auf fünf Seiten in großer Schrift, was vielleicht auf drei Seiten in kleiner Schrift und sowieso nie auf eine Postkarte gepasst hätte. Auch meine Schrift in Briefen an meine Oma wurde im Laufe der Jahre größer und die Seiten wurden mehr.

Inhalte verschwimmen, die Bedeutung bleibt

Denn mit inzwischen über 90 Jahren darf man Postkarten nicht mehr lesen können, man darf Briefe in Großschrift mit Lupe lesen und wenn man die Briefe irgendwann nicht mehr lesen kann, darf man sie sich vorlesen lassen. Es ist nicht einfach, sich im Alter einzugestehen, dass die eigenen Kräfte nachlassen und man unter anderem nicht mehr so gut hört und sieht wie früher. Aber Post bekommt man doch immer gerne; wenn man einen Brief bekommt, bedeutet das, dass jemand an einen gedacht hat. Ein schwieriger Punkt, wenn nicht der schwierigste, ist aber dann erreicht, wenn man die Post, die man bekommt, nicht mehr lesen kann.

Oma, du hast Post

Das Briefeschreiben ist also nicht etwas, das für mich in dieser Corona-Krise eine besondere Bedeutung erlangt hat. Nein, das Briefeschreiben ist etwas, das für mich eine besondere Bedeutung erlangt hatte – vor der Corona-Krise. Für mich heißt es: Was sind 1000 Kilometer?! Oma, ich denke an dich. Oma, ich schreibe in großer Schrift für dich. Oma, ich lese dir den Brief irgendwann auch vor, wenn du ihn nicht mehr lesen kannst. Für meine Oma heißt es schlicht und ergreifend; hoffentlich vor allem ergreifend, um der Pragmatik etwas Romantik anzuhängen: ich habe Post.

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mm
Autor

mag Zimt, Zitate und Kurzgeschichten, würde gerne mal in ein Taxi steigen und sagen: "Bitte folgen Sie dem Wagen da vorne!"

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